Frontalaufnahme von Mirja Boes. Die Komikerin sitzt auf einem umgedrehten Stuhl, stützt die Ellebogen auf die Lehne und lacht in die Kamera.

„Was man auf der Bühne bekommt, bin einfach ich“

Sie nimmt sich gern selbst auf die Schippe und bringt Menschen in ganz Deutschland seit über 30 Jahren zum Lachen. Mirja Boes im Interview über Authentizität auf der Bühne, die Bedeutung von Comedy in Krisenzeiten und merkwürdige Essgewohnheiten.

TEXT: TANITA HECKING
FOTOGRAFIE: LARS LAION
09.08.2022

Frau Boes, Sie machen gern mal Witze über sich selbst. Ist Selbstironie Ihr Erfolgsrezept?

Es ist auf jeden Fall ein Hilfsmittel. Wie sollen andere Menschen über mich lachen, wenn ich es selbst nicht kann? Das ist meine Prämisse.

Wie schreiben Sie Ihre Witze? Was hilft Ihnen dabei, Ihr Programm aufzubauen?

Auf der Bühne erzähle ich von Geschichten und Situationen, die jeder Person passieren können. Es geht um den normalen Alltag und Irrsinn des Lebens. Jeden Tag passieren genügend Dinge, die man von einer lustigen Seite betrachten kann. Meine Kinder steuern gerade auf die Pubertät zu, das ist ein Wermutstropfen. In der Pubertät sind sie natürlich sehr lustig. Aber ich darf keine Witze mehr über sie machen. Es wäre nicht so toll, wenn der eigene Sohn in der Schule erfährt, seine Mutter habe gestern im Fernsehen über ihn gelacht.

Mit Ihrer Show „Heute Hü und morgen auch!“ touren Sie seit letztem Jahr wieder durch Deutschland. Haben Sie eine Kostprobe aus dem Programm für uns?

Tatsächlich entsteht bei jeder Show eine eigene Dynamik. Ich beziehe das Publikum gerne mit ein. Teilweise kommen Zwischenrufe, die ich den ganzen Abend für mein Programm nutze. Bei einer Show brüllte eine Frau einmal „Glückwunsch!“ und ich wusste nicht, wozu sie mir gratulierte. Sie zeigte auf meinen Bauch. Das war aber nur meine Coronaschlacke, die ich mit mir rumtrug und der Witz begleitete uns den ganzen Abend. Ich kann über so etwas lachen.

Wie hat sich Humor über die letzten Jahre verändert? Worüber darf man heute noch lachen und wo gibt es Grenzen?

Im Moment wird es immer schwieriger, weil wir über Political Correctness reden. Sehr viele Leute zeigen gerade Haltung, das ist wichtig. Ich bin aber ein Mensch, der seine Haltung nicht mit der Welt teilen muss, sondern unterhalten möchte. Comedy ist doch dafür da, den ganzen Scheiß mal abzuschütteln. Was nicht heißen soll, dass im Anschluss nicht alles genauso blöd ist wie vorher. Aber man muss auch Gelegenheit finden, abzuschalten. Ein Clown zu sein, ist in dieser Zeit wahnsinnig wichtig geworden. Viele Kollegen von mir entwickeln sich politisch sehr, das finde ich auch in Ordnung. Aber, wenn keiner mehr da ist, der einfach mal sagt: ‚Komm wir machen Faxen‘, wird das Leben so schwer.

Es gibt Zeiten, da vergeht einem das Lachen. Welche Rolle spielt Humor für Sie in schweren Zeiten?

Eine große. Lachen ist befreiend. Es gibt einen Song von den Bläck Fööss, einer Kölschen Band, der auf Hochdeutsch übersetzt heißt: „Die Tränen, die du lachst, musst du nicht weinen“. Das finde ich sehr passend. Außerdem habe ich das Glück, ein sehr fröhlicher Mensch zu sein. Ich bin nicht den ganzen Tag wahnsinnig lustig, aber ich freue mich viel und lasse mich nicht unterkriegen. Mit meinem Job biete ich Menschen an, sie auf diese Reise mitzunehmen.

Inwieweit unterscheidet sich die Bühnen-Mirja von der private Mirja?

Gar nicht. Das, was man auf der Bühne bekommt, bin einfach ich. Ein Autor, mit dem ich mal zusammengearbeitet habe, fand mich authentisch und auch ein bisschen nerdy. Wenn ich an einem Bühnenprogramm rumschreibe und sich in der Zwischenzeit eine Lebenssituation verändert, muss ich es auch sofort im Programm ändern.

Entertainen Sie zu Hause auch so gern?

Ja, aber unbeabsichtigt. Meine Kinder sagen inzwischen auch oft zu mir: „Mami, jetzt sei doch mal ernst.“ Sie sind manchmal spießiger als ich.

Neben Comedy haben Sie noch eine weitere Leidenschaft: das Kochen und Essen. Sie sind Restaurantbesitzerin und haben im Mai diesen Jahres das Buch „Es ist nicht alles Mett, was glänzt“ veröffentlicht. Warum geht es im Buch?

Ich verbinde mit jedem Essen bestimmte Lebensphasen und Erinnerungen. Im Buch nehme ich die Leser mit durch mein Leben. Außerdem geht es für mich auch darum, zu leben und leben zu lassen. Ich gebe offen zu, dass ich Fleisch esse. Ich würde nie jemanden verurteilen, der nachts um drei Uhr durch den McDrive fährt, weil er Hunger hat. Das Buch ist ein kleiner lustiger Ratgeber, auch da mal fünfe gerade sein zu lassen. Denn auch dieses Thema wird immer schwieriger. Essen ist ein Genuss und sollte eigentlich eine Freude sein.

Im Buch sprechen Sie vom Trio Infernale. Was hat es damit auf sich?

Da ich ein Lehrerkind bin und wir als Familie mittags schon zusammen gegessen haben, durften mein Bruder und ich abends oft auf dem Sofa essen und eine Vorabendserie gucken. Es gab eine lange Phase, in der ich dabei ein Toast mit Butter und Nutella, ein Spiegelei und eine Zwiebel mit Salz gegessen habe – das Trio Infernale. Es ist eine merkwürdige Kombination, die mir immer gut geschmeckt hat. Ich esse sie heute noch – allerdings nicht mehr so oft.

„Es gibt einen Song von den Bläck Fööss, einer Kölschen Band, der auf Hochdeutsch übersetzt heißt: „Die Tränen, die du lachst, musst du nicht weinen“. Das finde ich sehr passend.“

MIRJA BOES

Zur Person

Mirja Boes, 51, ist eine deutsche Komikerin, Schauspielerin und Sängerin bekannt aus TV-Formaten wie „Die Dreisten Drei“, „Genial daneben“ und „Grill den Henssler“. Sie ist fünffache Gewinnerin des Deutschen Comedypreises. Am 13.08.2022 kann man den Comedy-Star im Rahmen des „Sommerlachen“-Festivals der Autostadt live erleben. Mehr Infos und Tickets gibt es unter autostadt.de/-/mirja-boes.