„Vom Kopf in die Hände und zurück”

Man lernt nie aus. An diesem schlichten Satz ist viel Wahres. Olaf Katzer leitet den Bildungsbereich der Autostadt und spricht im Interview über die vielfältigen Angebote seiner Abteilung und warum das Erleben ein wesentlicher Baustein des Lernens ist.

TEXT: Beatrix Gerstberger
FOTOGRAFIE: JANINA SNATZKE, NELE MARTENSEN
17.12.21

Themengebiete wie Nachhaltigkeit und Verantwortung, MINT, Medien sowie Lern- und Kreativitätstechniken werden in der Autostadt im Funlab, Learnlab und Lifelab alltagsnah und mit Praxisbezug an unterschiedliche Gruppen und Personen vermittelt. Worin bestehen die Unterschiede zwischen den einzelnen Labs?

Olaf Katzer Alle Angebote an die Besucher der Autostadt sollen sich an möglichst viele Kinder und Familien, Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Lehrkräfte und schließlich Berufstätige und Erwachsene richten und Lust darauf machen, eine Unternehmenswelt nicht nur durch die Brille des Produktes auf vier Rädern zu sehen. Im Funlab gilt unser Motto „Lernen beim Amüsieren in der Autostadt”. Da gibt es Spaß für die Kleinsten und Familien, Werkstationen zum Mitmachen, Workshopangebote im Kita- und Grundschulbereich und Kindergeburtstagsfeiern. Diese Angebote haben vor Corona 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Jahr gebucht.

Das Learnlab ist ein außerschulischer Lernort, dessen Angebote rund 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Jahr buchen. Es bietet Ergänzung zu Themen, die auch in Schulen vermittelt werden. Mit den Schwerpunkten Mobilität und Digitalisierung spannen sich die Themen von MINT über Nachhaltigkeit und Medien bis hin zu Lern- und Kreativitätstechniken. Wir wollen die Zukunftskompetenzen der Jugendlichen fördern und gleichzeitig auch einen Blick in die Themen des Volkswagen Konzerns ermöglichen. Wir haben aber auch Angebote für Lehrkräfte, die können hier zum Beispiel den 3D-Druck erlernen.

Das Lifelab ist schließlich unser jüngstes Gebilde, in dem wir unsere inhaltlichen Schwerpunkte für Erwachsene aufbereiten. Hier werden Gedanken- und Handlungsimpulse für all diejenigen angeboten, die Interesse daran haben, sich mit gesellschaftlichen Zukunftsthemen auseinanderzusetzen und sich in entspannter Atmosphäre zum Beispiel digital-kreativ oder auch technisch weiterzubilden.

„Das ist unser Credo, es wird angefasst, es wird mitgemacht. Ich bin ein großer Verfechter des ,vom Kopf in die Hände und zurück‘.”

Olaf Katzer,
Leiter des Bildungsbereichs der Autostadt

20.000 Menschen haben im Jahr 2019 Angebote des Learnlabs gebucht. Rund 6.000 waren es im Funlab.

Worum geht es hier genau, was sind die Themen des Lifelabs?

OK Neben Nachhaltigkeit, Medien und Mobilität stehen insbesondere Lern- und Kreativitätstechniken auf dem Plan. Das interessiert auch Menschen, die älter als 18 Jahre sind und in dieser vielbeschworenen Transformation der Arbeitswelt stecken. Dazu wird es drei Formate geben: den Bildungsurlaub, Workshops im Umfang von circa zwei bis drei Stunden und Vortragsformate wie zum Beispiel unser Elternforum. Hier kann es zum Beispiel um Kinder in der Pubertät gehen.

Warum stellen diese neuen Bildungsangebote der Autostadt, speziell die noch kommenden Bildungsurlaube, persönliche Erfahrungen, die Gemeinschaft und die Gesellschaft in den Fokus?

OK Als ich 2019 in die Autostadt kam, lautete mein Auftrag, dass die Bildungsangebote der Autostadt die Themen eines modernen Unternehmens wie dem Volkswagen Konzern widerspiegeln sollen und dass diese nach außen in die Erwachsenenwelt getragen werden sollen. Denn das sind ja Themen wie zum Beispiel Digitalisierung, die alle Generationen in irgendeiner Weise beschäftigen, nicht nur Kinder und Jugendliche. Und nicht jedem Erwachsenen gehen auch Techniken wie Design Thinking und agiles Arbeiten so leicht von der Hand. Wenn wir diese Themen so aufbereiten können, dass man anschließend weiß, wie man sich Neuem stellen kann, dann profitieren am Ende alle: der Mensch privat und auch der Arbeitgeber. Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben hat für die meisten Arbeitnehmer ja nicht zuletzt wegen der Pandemie einen immens hohen Stellenwert.

Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben hat für die meisten Arbeitnehmer ja nicht zuletzt wegen der Pandemie einen immens hohen Stellenwert.

OK Genau. Wichtige Fragen der modernen Arbeitswelt sind: Wie bekomme ich Beruf und Privatleben unter einen Hut? Wie halte ich meinen Kopf hoch? Persönliche Eigenschaften wie Achtsamkeit und Resilienz sind da Stichwörter. Auf einer anderen Ebene führen Digitalisierung, Innovationen im Bereich Mobilität und neue Formen des Lernens und des Arbeitens zu zahlreichen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die uns alle betreffen. Wir wollen erwachsenen Menschen tiefergehende Lernimpulse vermitteln, sie zum Ausprobieren und Nachdenken anregen. Wir wollen alle unsere Themen so aufbereiten, dass man darauf Lust hat. Zum Beispiel mit einem Kurs über das vermeintlich komplizierte Programmieren oder einem Workshop zum Thema Gaming. Der ist für Menschen spannend, die wissen wollen: Warum spielen meine Kinder täglich Minecraft und fördert das vielleicht sogar ihre Kreativität?

Fachliche Themen gibt es natürlich auch. Da werden wir zum Beispiel Fragen zum Thema E-Mobilität aufgreifen. Der andere große Bereich ist Nachhaltigkeit und hier auch das Thema Upcycling: Wie stelle ich selbst natürliche Körperpflegeprodukte her, wie kann ich Sinnvolles aus altem Holz für meinen Schreibtisch gestalten, wie baue ich einen Kräutergarten mit einem Wassersystem aus alten Flaschen? Bei Kursen wie diesen ist es wichtig, sich während des Lernens auszutauschen, sich gegenseitig zu helfen und Spaß zu haben.

Besser mit Stress umgehen? Das kann man lernen – zum Beispiel mit „Minds on“, einem Bildungsurlaub der Autostadt.

Ältere Generationen fühlen sich oft überfordert vom digitalen Wandel, etwa in Bezug auf Mediennutzung. Wie gehen Sie damit um?

OK Wir denken, dass Angebote aus dem Spannungsfeld Meinungsbildung und Meinungsmache nicht nur wichtig sind für unsere Schülergruppen, sondern auch für die Generation 30 plus, die sich ebenfalls in einem Social-Media-Umfeld bewegt. Wie man Medien nutzt, spielt ja nicht nur im Privaten, sondern auch im Arbeitsumfeld eine Rolle. So sind zum Beispiel viele im Berufsnetzwerk „LinkedIn”. Die Frage ist hier: Wie gehe ich mit dieser Plattform richtig um, was poste ich da, wie poste ich es? Und vor allem: Was ist, wenn ich etwas aus meinem Unternehmen quasi privat poste? Wo ist die Grenze, gibt es Regeln? Das sind spannende Fragen.

Sie haben im Lifelab zum ersten Mal Angebote für Teilzeitbeschäftigte konzipiert.

OK Ja, und wir werden diese verstärkt anbieten, weil es in diesem Bereich sehr wenig gibt. Meistens müssen Teilzeitbeschäftigte passen bei Bildungsangeboten, weil häufig nur Ganztagsveranstaltungen im Programm stehen. Teilzeitbeschäftigte sind für uns eine spannende Gruppe. Sie interessiert sich sehr dafür, Kompetenzen zu entwickeln, die man im privaten und auch im beruflichen Bereich nutzen kann.

Bei den Angeboten ist viel vom Erleben die Rede. In allen drei Labs ist das Anfassen und Ausprobieren wichtig.

OK Das stimmt. Das ist unser Credo, es wird angefasst, es wird mitgemacht. Ich bin ein großer Verfechter des „vom Kopf in die Hände und zurück”. Mit den Händen in der Erde graben, die Kamera führen, selber coden oder aus Legosteinen eine nachhaltige Stadt der Zukunft bauen: Es geht um Anfassen, Mitmachen, Erleben – so verankern sich Inhalte im Kopf.

„Wir werden verstärkt Angebote für Teilzeitbeschäftigte aufsetzen, weil es in diesem Bereich sehr wenig gibt. Meistens müssen Teilzeitbeschäftigte bei Bildungsangeboten passen, weil häufig nur Ganztagsveranstaltungen im Programm stehen.“

Olaf Katzer,
Leiter des Bildungsbereichs der Autostadt

Olaf Katzer (Jahrgang 1969) ist seit August 2019 Leiter des Bildungsbereichs der Autostadt. Er studierte Werkstoffwissenschaften und Fertigungstechnik an der TU Clausthal. Seine Karriere begann 1998 bei Volkswagen in der Fahrzeugproduktion in Wolfsburg. Ab 2004 war er an verschiedenen Stellen in der Volkswagen Coaching GmbH und Volkswagen Group Academy für operative und strategische Berufsausbildungs- und Weiterbildungsthemen im In- und Ausland verantwortlich. Vor seinem Wechsel in die Autostadt verantwortete er zuletzt das Thema digitale Bildung in der Volkswagen Group Academy.

Weitere Informationen

Viele weitere Infos zum Bildungsprogramm der Autostadt, digital und vor Ort, gibt es unter: www.autostadt.de/bildung