Die Autobewahrer

Zur Autostadt gehört eine beeindruckende Sammlung automobiler Klassiker verschiedenster Marken. Einige dieser besonderen Fahrzeuge stellt das ZeitHaus aus, die meisten stehen im Depot. Alle Fahrzeuge aber werden liebevoll gepflegt – und stets fahrbereit gehalten. Wir begleiten zwei der Experten, die dafür mitverantwortlich sind.

TEXT: JENS MEINERS / ALEXANDRA SCHRÖDER
FOTOGRAFIE: JANINA SNATZKE
FILM: MANUEL RUEDA
27.9.2021

Maik Döblitz, Gerald Schröder und die automobilen Schätze aus dem ZeitHaus – live und in Farbe.

Mehr als 60 Marken, gut 280 Fahrzeuge, rund 90 davon für die Besucher:innen erlebbar: Das ZeitHaus verfügt über eine imposante Sammlung automobiler Meilensteine. Neben den ausgestellten Fahrzeugen stehen einige als Leihgaben in anderen Museen, der große Rest wartet im Depot, einer Halle in den Außenbezirken Wolfsburgs.

Es gehört zum Anspruch der Sammlung, dass die Fahrzeuge in fahrbereitem Zustand sind – oder kurzfristig in ihn versetzt werden können. Doch wie schafft man das bei einer Flotte von fast 300 teils sehr alten Autos? Für diese Mammutaufgabe ist ein eingespieltes Team verantwortlich. Zu diesem gehören Maik Döblitz und Gerald Schröder. Ihr Arbeitsplatz ist das Depot, doch an drei Tagen in der Woche machen sich Döblitz und Schröder auf den kurzen Weg ins ZeitHaus, um die Exponate in Augenschein zu nehmen.

Reifendruck kontrollieren, Karosserie polieren oder auch mal eine Scheibe zum Glänzen bringen: Beim allmorgendlichen Rundgang durch die Museumsräume wird jedes Exponat für die Besucher:innen hübsch gemacht.

Im ZeitHaus ist Perfektion gefragt

Rund anderthalb Stunden lang, morgens, bevor das ZeitHaus die Pforten öffnet, werden die Autos akribisch begutachtet. „Wir putzen die Scheiben, kontrollieren den Reifendruck und haben Politur dabei, falls mal ein kleiner Kratzer in den Lack gekommen ist“, erklärt Döblitz. Dabei werden die Reifen auf den sogenannten Erhaltungsdruck gebracht, der bei 3,5 bis 4 Bar liegt. Wenn die Reifen lange stehen, dünsten sie aus und nehmen einen leichten Braunton an. Dann sorgen Döblitz und Schröder mit Pinsel und Farbe dafür, dass die Flanken wieder schwarz glänzen.

„Manche Autos schwitzen“, berichtet Schröder. Das kann passieren, wenn der Standort im Museum gewechselt wird – oder einfach wegen des Alters der Materialien. Wenn sich Feuchtigkeit auf den Scheiben niederschlägt, forschen Döblitz und Schröder nach der Ursache, denn alle Autos müssen in erstklassigem Zustand sein.

280 Fahrzeuge befinden sich in der Sammlung des ZeitHauses der Autostadt. Sie stammen von allen wichtigen Marken der Branche und bilden gemeinsam die Geschichte der Mobilität ab.

Neuzugänge erfordern vollen Einsatz

Bei den Fahrzeugen im Depot ist die Überprüfung weniger streng. Die Kontrollgänge planen die Mitarbeiter:innen in Eigenregie, ungefähr einmal alle drei Monate, so Döblitz: „Wenn es in den Terminplan passt, nimmt sich jemand zwei bis drei Stunden Zeit, wedelt die Autos ab, kontrolliert den Reifendruck und eventuelle Leckagen.“ Gestartet werden die Autos selten: Die Batterien sind abgeklemmt oder ausgebaut, aus Brandschutzgründen befindet sich auch kaum Treibstoff in den Tanks.

Richtig spannend wird es, wenn ein Oldtimer für einen Außentermin vorbereitet werden muss. Dann widmen sich ihm die Mitarbeiter:innen mit Hingabe. Manchmal stehen auch größere Reparaturen an, sogar Teil- oder auch Komplettrestaurationen werden durchgeführt. Denn das ZeitHaus kauft immer wieder interessante Fahrzeuge, die als technischer Meilenstein in die Sammlung passen und größere Zuwendung verlangen.

Maik Döblitz und Gerald Schröder haben ihren Traumjob gefunden.

Gute Kontakte sind enorm wichtig

Bei den Modellen von Volkswagen kann das ZeitHaus manchmal auf ehemalige Mitarbeiter:innen zurückgreifen, die sie mitentwickelt haben. Für fremde Fabrikate gilt das leider nicht. Dann wird über viele Stunden recherchiert – und ein beeindruckendes Netzwerk von Expert:innen angezapft: „Wir kennen natürlich unsere Kollegen bei Audi oder Porsche, aber wir haben auch alte Freunde, die sich mit Vorkriegsfahrzeugen auskennen“, sagt Schröder: „Irgendwann hatten wir auch ein Netzwerk für Exoten wie Matra oder Lotus.“

So unterscheiden sich auch die Vorlaufzeiten, wenn ein Auto einsatzfähig gemacht werden soll. Prinzipiell rechnet man mit mindestens einer Woche Vorlauf, bis aus einem Ausstellungsstück wieder ein straßenfähiges Fahrzeug wird. Neue Reifen bekommt so ein Auto ohnehin fast immer. Notfalls könne man sich bei Autos wie dem Käfer mit Teilen aus einem anderen Modell helfen. Bei Exoten klappt das nicht: „Ein Bugatti ist eben kein Käfer“, so Döblitz.

„Wir kennen natürlich unsere Kollegen bei Audi oder Porsche, aber wir haben auch alte Freunde, die sich mit Vorkriegsfahrzeugen auskennen.“

ZEITHAUS MITARBEITER GERALD SCHRÖDER ÜBER DIE BEDEUTUNG GUTER KONTAKTE

Batteriezelle
Ein Traumjob für Oldtimerfans

Wenn man Döblitz und Schröder fragt, was sie an ihrer Arbeit am meisten fasziniert, dann sind sie sich einig: Das Aufgabenspektrum sei extrem abwechslungsreich. „Wir müssen immer wieder umdenken“, berichtet Döblitz. „Auf der Bühne ist jedes Auto anders.“ Ihre Aufgabe, derart unterschiedliche automobile Schätze aus aller Welt aufzubauen, zu pflegen und zu bewahren, dürfte zu den facettenreichsten Tätigkeiten gehören, die es in der Branche gibt.

Die beiden Autofans haben jedenfalls ihren Traumjob gefunden. Döblitz ist schon seit 2001 dabei und hat den Aufbau der Sammlung praktisch von Anfang an begleitet und mitgestaltet. Schröder war nach seinem Eintritt in die Autostadt im Jahr 2007 zunächst mit Neuwagen befasst und bewarb sich sechs Jahre später für eine Meisterstelle im ZeitHaus. Seitdem ist auch er dabei. In den nächsten Jahren werden einige Kolleg:innen in Ruhestand gehen, dann braucht die Sammlung neue Autobewahrer:innen. Für Menschen mit einer Leidenschaft für Oldtimer ist das eine riesige Chance: Im ZeitHaus könnten sie – wie Döblitz und Schröder – den Job ihrer Träume finden.

Weitere Informationen

Mehr zum ZeitHaus unter www.autostadt.de/erkunden/zeithaus