Hinter den Kulissen
Die leeren Holzbügel ruhen auf ihren Ständern. Ein blasses orangefarbenes Licht fällt von den Tresen der Garderobe in den Raum des alten Volkswagen-Kraftwerks, das sich mit seinen vier imposanten Schornsteinen am Mittellandkanal in den Himmel erhebt. Bis heute versorgt die Anlage, die VW-Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche im Jahr 1939 in Betrieb nahm, vor allem die Stadt Wolfsburg und das Volkswagen Werk mit Strom und Wärme. Für ein paar Wochen im Jahr allerdings geht es in dem Inneren des südlichen Teils nicht allein um Energieversorgung. In dieser Zeit wird der denkmalgeschützte Bau zu einer unglaublichen Festivalkulisse: Willkommen zu Movimentos!
Eine Empfangshalle der besonderen Art
Vom 29. April bis 13. Juni kommt in diesem Jahr Bewegung in die Bereiche, die durch stillgelegte Anlagen frei geworden sind: Sieben renommierte Tanz-Kompanien aus aller Welt bringen Deutschland-, Europa- und Weltpremieren auf die Bühne. Rund 1000 Besucher betreten jeden Abend die schwimmende, 180 Meter lange Pontonbrücke, um von der Autostadt über das Hafenbecken zum Gelände des Volkswagenwerkes zu gelangen. Durch ein sonst unscheinbares Rolltor betreten sie das Kraftwerk, schreiten ein paar Meter über roten Teppich. Linker Hand liegt die Garderobe. Am Abend der Veranstaltungen werden die sichtbaren Industrieanlagen, die nach der Modernisierung durch das Projekt 2000 verblieben sind, durch Licht in den Spektralfarben in Szene gesetzt. Der Raum verwandelt sich in eine Empfangshalle der besonderen Art.
Von hier aus führen schließlich 44 Stufen über eine Metalltreppe in der früheren Turbinenhalle, wo sich während der Festival-Wochen die Bühne befindet. Der Tribünenbereich schließt sich an. Die gut 500 Quadratmeter große Bühne zeichnet sich durch modernste Technik aus: Mit Hilfe einer besonderen Motoren-Anlage, von der es europaweit nur wenige dieser Art gibt, können beispielsweise langsame szenische Verwandlungen programmiert werden. Das bedeutet eine große Zeitersparnis für die Vorbereitung der einzelnen Aufführungen. Bevor sich dann der Vorhang zum ersten Mal öffnet, wird zuletzt der Teppich vor der Bühne verlegt. Dann haben die Besucher Zugang zu ihren Plätzen, die alle eine gute Sicht auf die Fläche bieten. Dafür sorgen die exakt 32 Zentimeter, die die einzelnen Reihen jeweils voneinander trennen.
Auch nach dem Start ist das Movimentos-Team hinter den Kulissen gefragt: So muss beispielsweise die Bühne vor jeder Aufführung vorbereitet werden. Ist sie stumpf, wird mit reinem Alkohol gereinigt. Könnte der Boden für die Tänzer zu glatt werden, gibt es ein etwas kurios anmutendes Mittel: Ein Schuss Cola im Reiniger soll den Tänzern sicheren Halt auf der Fläche geben – und somit einen Beitrag zum Gelingen anregender Festwochen leisten.

- Die Künstlergarderobe im Aufbau

- Garderobe für die Besucher
Zahlen
Damit der alte Industriebau den Tanz-Kompanien modernste Technik bieten kann, sind im Vorfeld der Movimentos-Wochen durchschnittlich mehr als 100 Mitarbeiter am Tag im Einsatz. Allein für die Bühne müssen 439 Scheinwerfer montiert werden. Hinzu kommen weitere 775 Scheinwerfer im gesamten Besucherbereich. Daraus ergibt sich eine erforderliche Kabellänge von rund 42 Kilometern. Weitere rund zwölf Kilometer Kabel werden zudem für die Audio- und Videotechnik benötigt. Bis alles an Ort und Stelle ist, werden insgesamt rund 180 Tonnen Material allein für Bühne und Tribüne bewegt. Die Stahlkonstruktion der insgesamt 278 eingebauten Treppenstufen hat ein zusätzliches Gewicht von 25 Tonnen.
Movimentos – mehr als ein Festival
Im zehnten Jahr des Bestehens der Autostadt finden die Movimentos Festwochen zum achten Mal statt. Das Leitthema in diesem Jahr lautet: „Mut und Demut“. Internationale Tanzproduktionen im denkmalgeschützten alten Kraftwerk stehen im Zentrum des Festivals. Darüber hinaus bietet die Autostadt seit 2006 auch begleitende Veranstaltungen an, die zu einer Entdeckungsreise durch eine vielseitige Kulturlandschaft einladen. Dazu gehören Klassik- Jazz- sowie Popkonzerte, Vorträge, Lesungen, Gespräche, Workshops und in diesem Jahr erstmals eine Schauspielproduktion. Durch vielfältige Kooperationen sind zahlreiche Bühnen, Kirchen und weitere Kulturinstitutionen der Stadt Wolfsburg zu festen Movimentos-Veranstaltungsorten geworden.
Inzwischen haben sich die Festwochen einen Namen als eines der bedeutendsten Festivals für zeitgenösschen Tanz in Europa gemacht. Im vergangenen Jahr lag die Zahl der überregionalen Besucher bei 42 Prozent. Insgesamt haben 2009 rund 30.000 Besucher Veranstaltungen der Movimentos Festwochen der Autostadt besucht.













